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Zirkuspädagogin, Leiterin CABUWAZI Altglienicke

H.M.: Was bedeutet CABUWAZI?
A.T.: CABUWAZI ist eine Abkürzung: ChAotisch BUnter WAnderZIrkus. Das haben sich die Kinder damals selbst ausgedacht. An sich ist das schon eine gute Beschreibung: Zirkus, chaotisch und bunt. Wandern trifft nicht vordergründig zu, denn es ist uns wichtig, feste Standorte dort zu haben, wo die Kinder sind, wo sie leben.

Aber es ist insofern auch nicht falsch, weil wir auf Reisen gehen, internationale Begegnungen haben, zum Beispiel mit Partnern in Israel. Da lernen unsere Kinder, dass die Sprache nicht so wichtig ist, wenn man Zirkus macht.
CABUWAZI gibt es seit 1994, wir haben in diesem Jahr 20-jähriges Jubiläum. Dazu wird es im Herbst eine Geburtstags-Gala aller Standorte gemeinsam geben. Außerdem machen wir an allen Standorten im Mai einen Tag der offenen Tür, um das Jubiläum zu feiern.
CABUWAZI entstand in Kreuzberg, in der Wiener Straße, aus einer Eltern-Initiative. Auslöser war eine kleine Gruppe von Kindern, die Einrad gefahren sind. Dann ist daraus nach und nach das gewachsen, was wir heute haben. Unser Träger ist Grenzkultur gGmbH.

H.M.: Worin besteht die Grundidee? Gibt es ein Leitmotiv?
A.T.: Wir wollen die Kinder stark machen, das Mittel ist der Zirkus. Es ist eine spielerische Welt. Viele sagen, davon hätten sie schon immer geträumt. An dieser Stelle setzen wir an, es macht den Kindern Spaß, damit haben wir etwas, um sie stark zu machen. Im Training lernen sie ganz viel, es ist sportlich, es ist kreativ und vielseitig. Oft sagen die Kinder, CABUWAZI sei für sie wie eine zweite Familie. Es ist eine große Gemeinschaft, wo man Freunde hat, ein ganz wichtiger Ort, wo man zuhause ist, neben der Familie, neben der Schule.
Und die Kinder können sich hier entfalten. Sie wollen gefordert werden, und daran wachsen sie. Wir haben viele Kinder, die mit neun Jahren bei uns beginnen, das ist unser Anfangsalter. Die verbringen dann oft ihre ganze Jugend bei CABUWAZI. Es sind Kinder dabei, die sich anfangs niemals getraut hätten, auf der Bühne auch nur ein Wort zu sagen. Bei uns lernen sie das und nehmen diese Fähigkeiten mit ins Leben. Das ist das Schöne am Zirkus: Die Präsenz auf der Bühne, am eigenen Leibe zu spüren, ich kann was und bin etwas Besonderes.

H.M.: Welche Kinder wollen Sie ansprechen?
A.T.: Unsere Zielgruppe ist nicht eingeschränkt. Wir haben aber viele Kinder hier, die es nötig haben, stark gemacht zu werden. Deshalb gibt es auch keine Teilnahmegebühren. Nicht wenige Kinder suchen uns regelrecht, ganz von sich aus. Das sind oft Kinder, wo die Familien nicht so die finanziellen Mittel haben, oder wo die Kinder nicht so ausgiebig betreut werden.
Daneben kommen Kinder, die gewissermaßen gut behütet aufwachsen. Diese Mischung wollen wir. Wir haben beispielsweise hier in unserer Trampolin-Gruppe Mitglieder aus sehr unterschiedlichen sozialen Milieus. Wenn die gemeinsam trainieren, interessiert niemanden, wo man herkommt. Da geht‘s ums Trampolin-Springen. Unter anderen Umständen würden diese Kinder vielleicht nie einen Draht zueinander finden.
Die Jüngsten sind neun, die Ältesten um die 20 Jahre alt. Manchmal bleiben auch welche länger, zum Beispiel als Assistenten der Trainer. Zur Zeit kommen etwa 100 Kinder regelmäßig zum Training. Mit denen, die zum Schnuppern hier sind, sind es 120 bis 130. Und dann gibt‘s noch die Kleinsten – CABUWinzig – das sind einmal die 4- bis 6-jährigen und zum Anderen die 6- bis 8-jährigen.

H.M.: Wie läuft das, wenn ein Mädchen oder Junge zu Ihnen kommt?
A.T.: Wir haben hier Anfängergruppen, da beginnt man. Manche kommen einfach vorbei und sehen sich das an, weil sie oft gar nicht so genau wissen, was sich hinter den einzelnen Disziplinen verbirgt. Andere wissen schon genau, was sie machen wollen.
Nicht alle bleiben, aber doch sehr viele. Hier bei uns geht es im Vergleich zu klassischen Sportangeboten vielseitiger zu, ist mehr Freiraum für Phantasie und Kreativität. Wir arbeiten nicht so technisch, sondern spielerischer. Der Vorteil ist, dass die Kinder hier eine große Auswahl haben. Es ist ein Unterschied, ob ich auf der Kugel oder dem Seil laufe, auf dem Trampolin springe, am Trapez bin oder Diabolo spiele. Und wer nicht so sportlich ist, kann Clown sein oder das Programm präsentieren, Schauspieler sein. Diese Vielfalt ist so toll am Zirkus. Jeder kann sich seine Nische suchen, die ihm am besten gefällt.

H.M.: Wer kümmert sich um die Kinder?
A.T.: Unser Kern-Team sind die Zirkuspädagogen, die das Training leiten. Das sind zur Zeit neun Personen, die für die unterschiedlichen Angebote zuständig sind. Dazu kommen noch Europäische Freiwillige, junge Leute aus dem Ausland, die meist auch schon mit Zirkus zu tun hatten. Die Trainer sind spezialisiert. Drei sind gegenwärtig fest angestellt, die anderen arbeiten auf Honorarbasis. Das ist nicht einfach, denn wir sind als gemeinnützige Institution auf Förderungen und Spenden angewiesen. Unser ältester Trainer macht das komplett ehrenamtlich. Er ist inzwischen 71 Jahre alt, fast von Anfang an bei CABUWAZI, also beinahe zwanzig Jahre. Und er macht hier immer noch weiter, weil er Spaß daran hat. Unser jüngster Trainer ist 23 Jahre alt.

H.M.: Es wird doch aber nicht nur trainiert? Wahrscheinlich wollen ja alle auch auf der Bühne zeigen, was sie können ...
A.T.: Ja, natürlich! Es gibt einmal im Jahr ein großes Programm mit allen Kindern hier am Standort. Das ist der „Manegenzauber“, immer im Dezember. Im Vorjahr standen 65 Kinder auf der Bühne. Unser Weihnachtsprogramm ist ein ausgewachsenes zweistündiges Stück, mit einer Handlung und mit Musik. Wir haben eine Theatergruppe, die von einer Theaterpädagogin geleitet wird. Dort wird jetzt bereits die Idee entwickelt, das Drehbuch geschrieben, die Texte. Die Kinder sollen nicht nur ihre Darbietungen abarbeiten, alle sind auch Darsteller.
Neuerdings gibt es auch alljährlich ein Jungendstück, das unsere älteren Jugendlichen weitgehend selbst erarbeiten. Das wird in diesem Jahr vor den Sommerferien Premiere haben. Zweimal im Jahr machen wir eine Werkstatt-Show, ein gemischtes Nummern-Programm. Im Mai gibt es eine Show für die Anfänger, wo die meisten Mitwirkenden zum ersten Mal auf der Bühne stehen. Im September folgt dann die Show für die Fortgeschrittenen.

H.M.: Gibt es auch ehemalige CABUWAZIs, die den Zirkus zu ihrem Beruf gemacht haben?
A.T.: Die gibt es. Ich zum Beispiel. Ich habe mit 10 Jahren in Marzahn angefangen und meine Freizeit beinahe komplett im Zirkus verbracht. Ich bin auf dem Seil gelaufen. Als Jugendliche habe ich die internationalen Austauschprojekte entdeckt, mit Frankreich, Israel und Palästina. Das lief dann neben meinem Studium, das aber gar nichts mit Zirkus zu tun hatte. Durch die Projektarbeit kam die Idee, ob das nicht mein Beruf werden könnte. Nach dem Abschluss meines Studiums bin ich nach Belgien gegangen und habe ein Jahr lang eine Ausbildung zur Zirkuspädagogin gemacht. So bin ich im Grunde genommen zurückgekommen, habe erst freiberuflich gearbeitet. Seit zweieinhalb Jahren leite ich nun den CABUWAZI-Standort in Altglienicke.

H.M.: Was bedeutet CABUWAZI für Altglienicke?
A.T.: Wir sind hier an einem Platz, wo ringsum sehr viele Kinder leben. Wir haben hier die schon erwähnte Mischung, auf die wir eingehen wollen: Da sind viele Kinder, die gefördert werden müssen, denen man Erfolgserlebnisse verschaffen muss. Wir haben in der Nachbarschaft aber auch viele Familien, die sich sehr um ihre Kinder kümmern und uns auch unterstützen in unserer Arbeit. Wir sind alles in allem sehr gut angesiedelt im Territorium. Und wir wollen kulturelles und soziales Leben für alle Bewohner hierher bringen. Denn für die Größe dieses Wohngebietes gibt es nicht allzu viele kulturelle Möglichkeiten. Der „Manegenzauber“ im Dezember ist immer ausverkauft, alle Vorstellungen, das sind über 1.500 Besucher.
www.cabuwazi.de

Mit Anne Timm sprach Harry Mehner.

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