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Astronom, Leiter der Archenhold-Sternwarte

H.M.: Welches war das erste Sternbild, das Sie am Himmel erkennen konnten?
F.L.: Das war der Orion. Ich bin damals zehn oder elf Jahre alt gewesen. Wir hatten so ein paar populär-astronomische Taschenbücher zu Hause. Darin hat mich eine Abbildung unglaublich beeindruckt, beängstigt fast: die Sonne mit ihren Protuberanzen. Und davor war ein ganz kleiner Schattenriss der Erde. Dass die Erde so klein ist, hat mich enorm fasziniert.

Irgendwann habe ich einem Schulkameraden ein astronomisches Fernrohr abgekauft. So habe ich mit Himmelsbeobachtungen angefangen. Natürlich verlief dieses Interesse in Wellen, wie das eben in der Kindheit so ist, es war aber immer vorhanden.

H.M.: War die Astronomie von Anfang an Ihr Berufswunsch?
F.L.: Nein. Nach der Schule habe ich erst einmal eine Lehre als Zimmermann gemacht, danach dann Architektur studiert und auch abgeschlossen. Aber schon während des Studiums küsste mich die Muse Urania (Anm.: in der griechischen Mythologie die Muse der Sternkunde) endgültig. In Kiel, wo ich studierte, gab es ein kleines Planetarium, in dem ich mich ehrenamtlich engagierte. Und ich kam dann auf ein Thema, das sowohl Architektur als auch Astronomie zum Gegenstand hatte. Damit konnte ich nach dem Diplom auch gleich promovieren. Es ging um den Gottorfer Riesenglobus. Das war ein im Garten des Gottorfer Schlosses bei Schleswig aufgestellter begehbarer Globus mit einem Durchmesser von drei Metern, der im 17. Jahrhundert entstand und berühmt wurde. Von innen sah man den Sternenhimmel, wie in einem Planetarium.

H.M.: Und anschließend führte Ihr Berufsweg schnurstracks an die Archenhold-Sternwarte?
F.L.: Noch lange nicht. Ich war ja Architekt. Keine Sparte hat so viele Quereinsteiger wie die Astronomie, Leute, die aus Leidenschaft dazu gefunden haben.
Nach der Promotion habe ich habilitiert im Fach Geschichte der Naturwissenschaften, Schwerpunkt Astronomie. Dann war es erst einmal schwierig, etwas zu finden. Ich habe eine zweite Ausbildung gemacht, als Uhrmacher. Dieses Handwerk ist nicht ganz unwichtig für die Astronomie und kam mir sehr entgegen, weil ich mich gern mit alten Instrumenten beschäftige.
Ich bin dann nach Berlin gegangen und habe mich hier schlecht und recht durchgeschlagen, in verschiedenen Jobs, habe Vieles ausprobiert. Am Ende habe ich mich auf die Stelle des Leiters der Archenhold-Sternwarte beworben, und bin es schließlich auch geworden. Das hat jedoch schon eine ganze Weile gedauert.

H.M.: Eigentlich sind Sie doch genau der richtige Mann für dieses Haus. Die Archenhold-Sternwarte ist ein architektonisches Denkmal und der Astronomie gewidmet ...
F.L.: Ganz gewiss ist die Archenhold-Sternwarte ein Haus der Astronomie-Geschichte. Astronomie ist ganz tief in unserem kulturellen Bewusstsein verankert. Nach meiner Meinung besitzt Geschichte der Astronomie, der Naturwissenschaften, der Technik den gleichen Stellenwert wie die Kulturgeschichte. In anderen Ländern, scheint mir, wird diese Tatsache stärker anerkannt als in Deutschland.
Wir können uns glücklich schätzen, dass es in Berlin das Museum für Technik gibt, zu dem die Archenhold-Sternwarte gehört. Und es ist mein Anliegen, dieses Haus als Schnittstelle zwischen Technik und Wissenschaft zu zeigen. Ohne Technik hätten wir all diese wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht. Und die Astronomie stand immer in vorderster Reihe bei der technischen Entwicklung.

H.M.: Wie soll sich die Archenhold-Sternwarte in nächster Zeit entwickeln?
F.L.: Ich habe vier Jahre lang ja nicht nur dieses Haus geleitet, sondern zusätzlich auch noch das Groß-Planetarium in der Prenzlauer Allee. Das ist jetzt für längere Zeit geschlossen und wird modernisiert. Für diese Sanierung gibt es dort eine eigene Leitung, was mich sehr entlastet. In erster Linie bedeutet das aber, dass wir die Möglichkeit haben, beide Häuser deutlicher zu differenzieren. Das Großplanetarium wird künftig erzählen, wie das Universum funktioniert. Wir wollen hier in der Archenhold-Sternwarte erzählen, wie man das Universum erforscht.
Der Fokus wird dann mehr auf die praktische Astronomie verschoben. Wir wollen den Besuchern – der Schwerpunkt liegt dafür bei jungen Leuten, Schulklassen – erklären, wie eine Sternwarte arbeitet. Was sehe ich am Himmel? Was will ich wissen? Und was benötige ich, um das herauszufinden? Ich möchte dafür hier gern eine neue große Dauerausstellung einrichten, die den roten Faden der Geschichte der Astronomie verfolgt, von den einfachen Fragestellungen zu den ganz schwierigen Problemen der Gegenwart.
Gern würde ich eine historische Sternwarte einrichten. Wir haben einen großen Bestand von sehr schönen alten Instrumenten, die viel zu schade für die Vitrine sind, weil man sie eben auch benutzen kann. Diese Geräte liegen zum Teil im Archiv und müssen wieder verwendbar gemacht werden. Es ist ein Herzenswunsch von mir, all diese Instrumente für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir wollen zum Beispiel mit einem alten Teleskop unseren Besuchern vor Augen führen, was Galilei gesehen hat.
In unserem Klein-Planetarium möchte ich weitere Show-Programme für Kinder anbieten. Mit „Als der Mond zum Schneider kam“ haben wir ja bereits so etwas. Übrigens ist das ein Beispiel, dass man mit relativ geringen technischen Mitteln Programme mit Charme machen und damit viel erreichen kann. Solche schönen Geschichten soll es noch mehr geben.

H.M.: Wie machen Sie die Kinder und Jugendlichen auf sich aufmerksam?
F.L.: Wir haben die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit im Deutschen Technikmuseum, und die Sternwarte kann glücklich sein, zudem noch eine so fleißige Sekretärin zu haben, die überdies gezielt viele Interessenten anspricht. Für die Zukunft müssen wir noch mehr die Schulen, die Lehrer animieren, hierher zu kommen. Schulklassen sind ganz wichtig. In unser Planetarium passen nun mal gerade 38 Personen. Das ist eine kleine Gruppe, auf die kann man individuell eingehen. Das Planetarium ist ein ideales Klassenzimmer. Denn die Astronomie ist die emotionale Hintertür, um Schüler an die Naturwissenschaften heranzuführen. Nach dem Staunen über den Sternenhimmel kommen die Fragen. Und irgendwann sind sie dann auch bereit, tiefer einzudringen, und merken ganz von selbst, dass das ohne Mathematik und Physik nicht geht. Aber, am Anfang steht die Emotion.

H.M.: Nutzen Sie dafür auch künstlerische Elemente?
F.L.: Ja, wir haben begonnen, Programme aufzulegen, die einen deutlichen künstlerischen Anteil haben. Unsere Chilenische Nacht im Vorjahr war sehr erfolgreich. Jetzt sind wir im Gespräch mit einem Ensemble, das Renaissance-Musik macht. Da soll es um Harmonie im Kosmos und in der Musik gehen.
Im nächsten Jahr wollen wir ein Jubiläum groß feiern: Am 2. Juni 1915 hielt Albert Einstein in der Sternwarte seinen ersten öffentlichen Vortrag über die Allgemeine Relativitätstheorie. Unter anderem wollen wir dann einen historischen Trickfilm zur Relativitätstheorie zeigen, der 1922 in Berlin produziert wurde.

H.M.: Wie ist das, wenn man seinen Arbeitsplatz in einem so schönen und populären Ort hat?
F.L.: Die Lage der Sternwarte im Treptower Park ist natürlich großartig. Aber ich würde mir schon mehr Hinweise wünschen, mit einem Wegeleitsystem. Denn es gibt Besucher des Parks, die nicht einmal wissen, dass es hier eine Sternwarte gibt. Andererseits bin ich auch ganz froh, an einer dunkleren Ecke des Parks zu sein. Astronomie und künstliches Licht gehen bekanntlich nicht so gut zusammen.

www.sdtb.de

Mit Dr. Felix Lühning sprach Harry Mehner.

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