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Autor von Hörspielen, Theaterstücken, Kurzprosa,
Gedichten; schreibt die meisten Libretti für das Köpenicker Schlossplatztheater

H.M.: Hast du heute schon etwas geschrieben?
S.T.: Nee, heute noch nicht. Gefühlt habe ich schon seit einem halben Jahr nichts geschrieben. Na ja, ein paar E-Mails vielleicht.

Das ist aber bei mir völlig normal. Ich bin ein Quartalsschreiber, brauche Druck, einen Anstoß. Ich schaffe es nicht, mich morgens um acht hinzusetzen und meinetwegen bis mittags zu schreiben. Bei mir klappt das höchstens zwei, drei Tage lang. Und dann denke ich am zweiten Tag: Das funktioniert ja! Aber spätestens am vierten Tag fliegt die ganze Konstruktion auseinander. Wenn ich einen Anlass habe, eine Idee, einen Impuls von außen, dann kann ich einen Text runterreißen. Ich merke schon beim Schreiben, dass er gut ist. Da entsteht eine Dynamik, wo ich nicht mehr nachdenken muss und mich nicht ablenken lasse.
Meine meisten Arbeiten entstehen so: Ich habe eine Ausgangsidee, ein Bild, plötzlich tut sich etwas auf. Wenn ich mich hinsetze, ist alles im Kopf grob schon fertig. Ich bin ein Kurzstreckenläufer, auch beim Lesen. Dicke Romane reizen mich zwar, aber es fällt mir schwer, so lange dranzubleiben. Bei manchen Stoffen habe ich schon gedacht, da könnte man mehr draus machen, ein Buch. Doch dann merke ich, dass sich für mich das Thema im verknappten Format bereits erschöpft hat. Alles, was darüber hinausgeht, erscheint mir überflüssig. Und dann habe ich immer noch im Hinterkopf: Jetzt hast du dich ein Jahr oder so mit einem langen Text gequält, und dann wirst du das Manuskript vielleicht nicht mal los...

H.M.: Was schreibst du am liebsten?
S.T.: Mein Lieblings-Format, das Hörspiel, ist für meine Art zu schreiben sehr geeignet. Das kann man gut in zwei, drei Tagen abarbeiten. An und für sich bin ich ja mit dem Resultat von meinen Hörspielen immer unzufrieden, denn es kommt am Ende eigentlich kein Stück von Steffen Thiemann heraus, sondern ein Werk von Schauspielern, Regisseuren, Musikern... Dialoge, Monologe habe ich beim Schreiben im Ohr, höre im Kopf, wie es klingen muss. Und in den seltensten Fällen klingt es so, wie ich es mir vorgestellt habe. Hingegen kann ich mir auch nicht denken, Regie zu führen, um den Schauspielern zu sagen, wie ich es haben möchte. Das traue ich mir gar nicht zu. Es klingt in mir drin, und das kriege ich nicht raus. Aber da bin ich inzwischen gelassener geworden, weil ich weiß, dass ich das niemals abstellen kann. Allerdings passiert es auch, dass sich das Ergebnis fast so anhört, wie ich es mir vorgestellt habe. Seltsamerweise sind oft gerade die Hörspiele, mit denen ich am wenigstens zufrieden bin, ausgerechnet die, die am besten und häufigsten laufen.

H.M.: Dann sprich doch mal, ein von dir geschriebenes Hörspiel selbst!
S.T.: Das habe ich gerade gemacht, ein Monolog, den ich selbst gesprochen habe. Eigentlich sollte es ein Live-Programm werden. Letztlich ist mir aber ein Text eingefallen, der sich aus dem Gespräch mit meiner Regisseurin Gabriele Bigott entwickelt hat und ganz anders wurde, als wir eigentlich wollten. „Hans Albers‘ Tagebücher“ ist der Erfahrungsbericht seines Ghostwriters, der den Auftrag angenommen hat, die fiktiven Tagebücher des berühmten Schauspielers zu schreiben. Im Februar lief das Stück im Deutschlandfunk.

H.M.: Ich habe es gehört. Du hast sogar eigenhändig Akkordeon gespielt.
S.T.: Lange wusste ich gar nicht, dass ich musikalisch bin. Als ich immer mehr in ein musikalische Umfeld hineinkam, dachte ich mir, das ist schon toll, wenn man ein Instrument beherrscht. Von dieser Erkenntnis bis zur Umsetzung hat es aber zehn Jahre gedauert. Irgendwann habe ich Heiner Frauendorf angerufen: Du, wie sieht es aus? Ich bin jetzt 40 und möchte gern Akkordeon lernen. Seine Begeisterung war erst mal nicht so groß. Ja, kannst ja mal kommen... Und dann habe ich gemerkt, dass mir das gewissermaßen zufiel. Vor allem bei den motorischen Sachen, bei der Technik, hatte ich kaum Startschwierigkeiten. Ich habe dann nach und nach auch bei Lesungen Akkordeonmusik eingesetzt. Das funktioniert irgendwie, auch wenn mein Spiel beileibe nicht professionell ist. Es ist einfach schön, auch mal ganz was anderes zu machen als immer nur zu schreiben und Gefahr zu laufen, dabei zu versauern.

H.M.: Hilft dir das eigene Musizieren bei den Arbeiten fürs Schlossplatztheater?
S.T.: Dass ich ein bisschen musikalisch bin, schadet der Sache zwar nicht, hat aber auch keine große Bedeutung. Bei meinen Libretti für das Schlossplatztheater ist das Arbeiten ein wenig anders. Die Ideen kommen meist von Birgit Grimm, sie ist ja im wahrsten Sinne des Wortes der Motor dieses Hauses. Das ist von Vorteil, weil ich mich hinsetzen muss, um das Ergebnis zu erzwingen.
Ein Schema für die Produktionen am Schlossplatztheater gibt es nicht. Manchmal hat man die Oper als Vorlage. Dann besteht die Herausforderung darin, aus einem oft sehr umfangreichen Stoff eine Inszenierung für drei Darsteller zu machen. Und dann gibt es die Produktionen, wo wir eine Idee haben, zu der es überhaupt noch keine Musik gibt. Dann ist es an mir, ein Libretto zu schreiben, aus dem alles andere entwickelt wird. In solchem Fall gibt es Wechselwirkungen, die man sich vorher gar nicht ausdenken kann.
Mich reizt der Kontrast zwischen Musik und Schauspielerei, die Verbindung von gesprochenem Text und Gesang. Im Theater muss man letztendlich auch immer an das Publikum denken, an den Spagat zwischen den eigenen Absichten, Positionen und den Erwartungen der Gäste. Das Schlossplatztheater ist ein Glücksfall für mich, weil ich da Partner gefunden habe, mit denen ich eine lohnende und wohltuende gegenseitige Beziehung eingehen kann.

Mit Steffen Thiemann sprach Harry Mehner.

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