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Puppenspielerin, Leiterin des Figurentheaters Grashüpfer im Treptower Park

H.M.: Wann und wie entstand deine Leidenschaft für das Puppenspiel und Puppentheater?
S.Sch.: Als ich zum ersten Mal ein Puppenspiel gemacht habe, spürte ich, wie viel Spaß mir das bereitet. Das war zu einem Kindergeburtstag meiner älteren Tochter. Meine erste Puppe habe ich während des Studiums zur Lehrerin für Werken und Polytechnik gebastelt. Wir hatten einen sehr erfahrenen, kreativen Lehrer, der uns irgendwann mal fragte, wer einen Puppenkopf machen möchte.

Ich wollte das. Meine allererste Puppe war ein Teufel. Den habe ich immer noch. Dann kam dieser erwähnte Kindergeburtstag. Ich habe eine Astrid-Lindgren-Geschichte ausgesucht, „Karlsson vom Dach“. Das Basteln der Puppen hat mir unglaublich viel Spaß gemacht.

H.M.: Du hast ja gewissermaßen das Casting für deine Darsteller selbst in der Hand...

S.Sch.: Ja, das kann man sagen. So ungefähr könnte man den Puppenbau bezeichnen. Das war ja ursprünglich meine Domäne. Ich wollte gar nicht unbedingt selbst spielen und dachte, das können andere besser. Schließlich habe ich doch gespielt und überhaupt alles gemacht, was in diesem Metier zu tun ist: vom Puppenbau, über eigene Texte, Regie bis zum Spielen. Jetzt fühle ich mich mehr als „Ermöglicherin“, mache gar nicht mehr so viel selbst.
Alles in allem sind das jetzt über vierzig Jahre, in denen ich mich dem Puppenspiel verschrieben habe. Am Anfang war ich Mitbegründerin des Amateur-Puppentheaters der Humboldt-Universität. Als ich mich dann von dieser Gruppe trennte, habe ich eine eigene gegründet, die Grashüpfer.

H.M.: Wann war das?
S.Sch.: Man kann das gar nicht immer so genau bezcihnen, weil das oft nicht auf einen Tag festzulegen ist. Es war jedenfalls 1984, deshalb feiern wir jetzt unser 30jähriges Bestehen. Damals waren wir als Amateurgruppe gleich sehr erfolgreich, gewannen zum Beispiel eine Goldmedaille bei den Arbeiterfestspielen. Das waren alles richtig gute junge Leute.

H.M: Wie ist dein eigenes Theater entstanden?
S.Sch.: Im Grunde genommen ist es ein Ergebnis des Mauerfalls. Wir hatten damals als Grashüpfer im Friedrichshain eine Abriss-Wohnung im Hinterhaus, wurden gefördert vom Stadtbezirk. Weihnachten 1989 wurde uns gekündigt, worauf ich die Wohnung spontan privat gemietet habe. Dann habe ich mir einen Verein als Träger gesucht, das war anfangs Förderband e.V.. Weiter ging es mit ABM-Projekten. Das Haus war dann auf einmal in privatem Besitz, wir mussten raus. Es bot sich eine Trägerschaft durch den Treptower Offensiv e.V. an, bald haben wir aber einen eigenen Förderverein gegründet.
Seit 1997 sind wir in unserem Haus im Treptower Park. Das Gebäude soll hier von Schalck-Golodkowski hingesetzt worden sein, als Devisen-Lokal oder Laden. Das Bezirksamt Treptow wollte eine Galerie unterbringen, die fanden das Haus aber ungeeignet, weil es so versteckt im Park liegt. Ich habe mich dann gemeldet und gesagt, hier könnte man gut ein Theater ansiedeln. Und, weil es so klein ist, warum kein Puppentheater? Nach einer Weile wurde ich dann vom Kulturamt ernsthaft gefragt, ob nicht Grashüpfer einziehen will. Nun sind wir schon seit 1997 hier.
Das passte alles gut, denn ich hatte schon angefangen, nach Leuten zu suchen, die als Solisten spielen. Das hatte und hat immer noch finanzielle Gründe, denn je weniger Leute an einem Stück beteiligt sind, desto besser kann man die Einzelne oder den Einzelnen bezahlen. Da kam das kleine Haus gerade recht. So entstand auch schnell Kontakt zu Puppenspielern aus dem Westen Deutschlands, denn die kannten die Situation schon länger, dass man sich allein besser durchschlagen kann. Mir war das zuerst fremd, und wollte da auch nicht so ran. Immer hatte ich im Ensemble gespielt. Aber irgendwann hat es dann Spaß gemacht und wurde zum Konzept. Inzwischen sind im Figurentheater an die 100 Künstler aufgetreten in all den Jahren, darunter viele aus dem Ausland.

H.M.: Gibt es Autoren, die speziell fürs Puppentheater schreiben?
S.Sch.: Die meisten Puppenspieler spielen nach eigenen Texten, die natürlich oft nach literarischen Vorlagen entstehen, Märchen oder Kinderbüchern. Es gab zu DDR-Zeiten ein paar Autoren, die auch extra fürs Puppentheater geschrieben haben. Damals gab es immerhin neun staatliche Puppentheater im Land.
Fast immer auf einer literarischen Vorlage basieren unsere Inszenierungen für Erwachsene, die wir seit ein paar Jahren als Abendvorstellungen spielen. Mit Puppen natürlich! So ist das Stück „Paul und Paula – eine Legende“ nach dem Filmszenarium entstanden. Übrigens hat das meine jüngste Tochter Rike erarbeitet und spielt es als Solo. Reifen-Saft ist ‚ne Puppe, die Paula spielt Rike selbst und Paul ... Am besten ansehen, steht im August bei unserem Festival auf dem Spielplan.

H.M.: Woher kommt eigentlich der Name, Grashüpfer?
S.Sch.: Den haben uns die Kinder gegeben. Als wir anfingen, hat einer von uns, der im Krankenhaus arbeitete, eine Menge grüner Laken mitgebracht. Wir waren natürlich dankbar, denn Material war damals schwer zu beschaffen. Daraus haben wir unsere Klamotten gemacht. Und als wir dann eines Tages so grün bekleidet in einem Kinderferienlager eintrafen, wo wir spielen sollten, riefen die Kinder alle: „Da kommen die Grashüpfer!“

H.M.: Was ist für dich das Besondere am Puppenspiel, am Figurentheater, wenn man es als Theatersparte betrachtet?
S.Sch.: Das Beleben von totem Material. Man kann ja auch mit einer Tasse spielen oder mit einem Schlüsselbund – alles kann zur Puppe werden, wenn man es nur glaubwürdig genug spielt. Das fasziniert mich immer wieder aufs Neue, vor allem bei Kindern. Sobald man eine Puppe in Bewegung setzt, vergessen Kinder alles, da kann der Spieler sogar daneben stehen, die haben nur Augen für die Puppe. Wenn ich die Frau Holle spiele, habe ich ein großes weißes Kopftuch auf und bin neben der kleineren Puppe zu sehen. Anfangs hatte ich Bedenken, ob das funktioniert. Aber es klappt, die sehen wirklich nur die Puppe. Die Kinder vergessen den Menschen daneben oder dahinter. Wir haben das sehr früh erkannt, damals schon in der Gruppe an der Uni, und sehr schnell die Wände weggelassen, uns nicht mehr versteckt. Außerdem sah uns dieser traditionelle Guckkasten einem Fernsehapparat zu ähnlich. Und vom Fernsehen wollten wir uns unterscheiden. Wir haben immer schon viel ausprobiert und gern Anregungen aufgegriffen, die wir bei anderen Puppenspielern finden konnten.

H.M.: Hast du einen Traum, den du dir erfüllen möchtest?
S.Sch.: Ein schönes Fest im Treptower Park möchte ich gern mal machen, wo den Menschen etwas zum Lauschen und Genießen in Ecken und Nischen geboten wird. Nicht so wie die Treptower Festtage mit Rummel und Socken-Verkäufern. Mit anderen Künstlern gemeinsam würde ich gern so etwas aufbauen, nicht nur mit Theaterleuten, auch mit Musikern und so weiter.
Und ganz profan und praktisch wünsche ich mir, dass wenigstens das bescheidene Stückchen Förderung für uns erhalten bleiben möge, das wir brauchen, um das Haus offen zu halten. Leidenschaft und Idealismus haben wir sowieso alle im Überfluss, aber wer hier gute Arbeit macht, soll davon auch einigermaßen leben können.

Mit Sigrid Schubert sprach Harry Mehner.

www.theater-grashuepfer.de / Foto: Katharina Stillisch

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