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NINE ELEVEN – diese beiden englischen Zahlwörter bezeichnen in allgemein bekannter Weise den 11. September. Denn das Datum ist ein besonders geschichtsträchtiges, nicht erst seit dem 11.9.2001, als Terroristen in den USA Tausende Menschen töteten.
28 Jahre zuvor, am 11. September 1973, beendete ein Militärputsch in Chile den Versuch, auf demokratischem Wege eine sozialistische Gesellschaft zu errichten. Salvador Allende Gossens, der seit den Wahlen 1970 als Spitzenkandidat der Unidad Popular, eines Zusammenschlusses von Sozialisten, Kommunisten und einigen kleineren Linksparteien, die chilenische Präsidentschaft innehatte, überlebte den Putsch nicht. Als die Armee seinen Amtssitz angriff, blieb er dort allein zurück und setzte seinem Leben ein Ende.

Politisch gewollt und logistisch unterstützt wurde der Staatsstreich unter Führung des Generals Pinochet vom Weißen Haus in Washington, wo damals der später schimpflich aus dem Amt gejagte Richard Nixon regierte. Der Militärputsch vom 11. September 1973 war nur der blutige Endpunkt einer US-Außenpolitik, die schon wenige Tage nach Allendes Amtsantritt dafür sorgte, dass die USA ihre Kupferreserven auf den Weltmarkt warfen, so dass der Preis für Chiles Exportartikel Nummer Eins schnell und drastisch fiel. Dadurch wurden die von Allende angestrebten sozialen Reformen bald nicht mehr finanzierbar.
Es folgte unter der Herrschaft Pinochets bis 1990 eine lange Zeit rigider Militärdiktatur in Chile, mit vielen Opfern und unzähligen Verletzungen der Menschenrechte. Mehr als eine Million Chilenen ging ins Exil, viele nach Europa, Tausende nach Deutschland. Die DDR nahm damals rund 6.000 Flüchtlinge auf, zahlreiche unter ihnen erhielten Wohnungen in einem gerade im Bau befindlichen Neubaugebiet auf dem Köpenicker Amtsfeld. Im Zuge der Solidaritätsbewegung mit Chile, die sich im Osten Deutschlands – aber nicht nur hier – rasch ausbreitete, wurden in ebendiesem Köpenicker Viertel Straßen und Schulen nach Salvador Allende und anderen chilenischen Patrioten benannt. Bald wurde das gesamte Wohngebiet von seinen Bürgern „Allende-Viertel“ genannt.
Im vergangenen Jahr feierten die Bewohner den vierzigsten Geburtstag ihres Quartiers, in dem derzeit etwa 6.000 Wohnungen vermietet werden. Etwa ein Drittel des Bestandes gehört der städtischen Wohnungsbaugesellschaft degewo. Wohnungen aller Größen – ein bis fünf Zimmer, 29 bis 156 Quadratmeter, verschiedenste Grundrisse – gehören dazu. Berlins größtes Wohnungsunternehmen hat in den letzten Jahren saniert und modernisiert. Einwohner schätzen die direkte Nachbarschaft von Wald und Wasser, auch eine gute Infrastruktur und die Verkehrsanbindung sorgen dafür, dass sich die Einwohner im Allende-Viertel wohlfühlen; die seit Jahrzehnten hier ansässigen ebenso wie die zugezogenen, darunter so manche junge Familie.
Vor allem unter denjenigen, die nach 1973 geboren wurden, mag es etliche geben, die gar nicht so genau wissen, was es mit dem Namen ihres Wohnortes auf sich hat. Vielleicht kann künftig eine Büste dazu beitragen, die eine oder andere derartige Wissenslücke zu schließen. Seit dem 11. September 2013 hat die von Bildhauer Dietrich Rohde geschaffene Skulptur einen neuen, auffälligeren Platz gefunden, mitten im Wohngebiet, zur Verfügung gestellt von degewo.
Die Büste Salvador Allendes steht hier, an der Kreuzung von Salvador-Allende- und Pablo-Neruda-Straße, auf einem Sockel, der mit Informationstafeln über den ehemaligen chilenischen Präsidenten und seinen Freund, politischen Weggefährten und Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda Auskunft gibt.
Vor der Wieder-Einweihung des Denkmals an Allendes Todestag gab es leidenschaftliche, teils auch kontroverse, Debatten in der Bezirksverordnetenversammlung Treptow-Köpenick. Letztlich wurde im Frühjahr ein Beschluss gefasst, den Bezirksbürgermeister Oliver Igel in seiner Rede auf der Feierstunde am 11. September als gutes Beispiel bezeichnete, auf welch aktive Art ein Denkmal die Auseinandersetzung mit der Geschichte in all ihren widersprüchlichen Verflechtungen befördern kann. Eine Bereicherung sei die Allende-Büste für das Wohngebiet, so sagte Oliver Igel, ein wichtiges Stück Inventar, das in jedem Fall hierher gehöre.
Nicht nur der frequentierte Standort in unmittelbarer Nähe des Emmy-Noether-Gymnasiums wird künftig dafür sorgen, dass niemand behaupten kann, man könne nicht herausbekommen, was der Chilene Allende mit Köpenick zu tun hat.

Harry Mehner

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