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Mit obigem Titel versah eine Kollegin von Deutschlandradio Kultur ihr ziemlich genau und ausführlich geratenes Fazit des Festivals „Kunst am Spreeknie“. Natürlich kommt auch die Verballhornung „Schweineöde“ in ihrem Text vor, es sei verziehen, denn wer hier, im Industriegelände an der Spree, nicht so häufig unterwegs ist, mag das bitter-derbe Wortspiel noch immer ulkig finden. Den Alteingesessenen geht es inzwischen meist auf die Nerven. Aber: Nebensache.

Denn die Hauptsache ist, welche Aufmerksamkeit dieser sechsten Austragung von „Kunst am Spreeknie – Schöneweide Art Festival“ während der zehn Tage im Juli zuteil wurde. Neben Radio waren Fernsehen und große Tageszeitungen in Wort und Bild zur Stelle und lobten einhellig Konzept, Inhalte, Formen und Formate der Kunstaktion. Wie berechtigt derlei Echo ist, lässt sich schon an den nüchternen Fakten erkennen:
Mehr als 200 Künstler wirkten mit, die in ihrer Mehrheit in Schöneweide leben und/oder arbeiten. Die HTW und ihr Fachbereich Gestaltung beteiligten sich mit über 1.000 Studierenden. An 38 Standorten befanden sich Ausstellungen, Projekträume, offene Ateliers und Werkstätten, temporäre Läden. Führungen, Konzerte, Filme und Performances ergänzten den üppigen Ausstellungsbetrieb. An zehn Festival-Tagen gab es rund 300 Veranstaltungen mit weit über 10.000 Besuchern. Ein markantes Attribut war die Weltläufigkeit, denn viele der in Schöneweide ansässigen Künstler sind keine Einheimischen, stammen nicht aus Berlin, eine große Zahl nicht einmal aus Deutschland. Dies sei als nicht unerheblicher Wirkungsfaktor nicht unterschlagen, wird doch Schöneweide zuweilen in der öffentlichen Wahrnehmung mit ungeschickter Schablone zum „Nazi-Kiez“ abgewertet. Um nicht falsch verstanden zu werden: Nazis gibt’s hier, aber die Reduzierung des Quartiers auf eine Farbe (braun), ist ungerecht, falsch und kontraproduktiv.
Kurzum: Wer in den zehn Tagen durch Schöneweide bummelte, konnte mit Kurzweil anregende Kunst an aufregenden Plätzen sehen, hören, anfassen. Nicht alles war nach jedermanns Geschmack, aber für so ziemlich jeden Geschmack war etwas dabei. Und so muss es auch sein. Das Funkhaus in der Nalepastraße war ein ebenso attraktiver Kunstraum wie die Umspannzentrale oder leergezogene Sparkassenräume, beides in der Wilhelminenhofstraße. Er funktioniert beharrlich, der Charme der Brache.
Nun ist Berlin fürwahr eine Stadt voller Kultur, Kunst und einschlägiger Festivals, sie gehören zum Alltag und Gesicht der Stadt, in verschiedensten Ausformungen von traditionell bis schrill, mit langer Tradition oder gerade eben aus der Taufe gehoben. Das ist gewollt in Berlin, macht stolz und lockt Touristen an. Die Politik betont immer wieder, dass es gerade die freie Szene in allen künstlerischen Sparten sei, die durch ihre Innovation und Strahlkraft die Stadt zum Magneten mache. Kulturwirtschaft ist unbestritten einer der wichtigsten ökonomischen Faktoren in Berlin. Und gerade die freie Szene nimmt darin einen breiten Umfang ein.
„Kunst am Spreeknie“ ist auch solch ein Produkt der freien Szene. Wohl gab es Förderungen vom Treptow-Köpenicker Bezirksamt und durch das Schöneweider Regionalmanagement, Kooperationen mit geförderten Partnern und einige Sach-Sponsoringleistungen. Unterm Strich jedoch hat das Schöneweider Organisationsteam komplett ehrenamtlich gearbeitet. Die ausstellenden Künstler erhielten keine Gagen, übernahmen hingegen teilweise sogar noch die Kosten für Raummieten oder ähnliche Aufwände. Die Eine oder der Andere konnte sich dann wenigstens noch glücklich schätzen, ein Bild oder eine Skulptur verkauft zu haben.
Bei weitem die meisten Kultur- und Kunstprojekte in Berlin laufen so. In den Bezirken werden die Mittel immer knapper, um mehr als einen Tropfen auf den heißen Stein zu kleckern. Und wie geht das Land mit der freien Szene um, diesem Aushängeschild der deutschen Metropole? Die Zahlen sind niederschmetternd. 375 Millionen Euro lässt sich Berlin seine Kultur jährlich kosten. Davon fließen 95% in die institutionelle Förderung, also unter anderem an die Opernhäuser, Staatstheater, Orchester und die dort Angestellten. Der Rest, keine 20 Millionen, bleibt für unabhängige Tänzer, bildende Künstler, Musiker und all die anderen freiberuflich künstlerisch Kreativen.
Die freie Szene meldet sich nun lautstark zu Wort und kann es nicht mehr nur bei den eindrucksvollen sicht- und hörbaren Ergebnissen ihrer Arbeit belassen. Sie will mehr Geld und fordert dabei mitnichten, es den anderen, den großen Häusern, einfach wegzunehmen. Verschiedene Varianten sind aus der Sicht der „Koalition der Freien Szene“ denk- und machbar. Am sichersten wäre freilich ein Posten im Haushalt, der dem Rang der freien Szene im Berliner Kulturbetrieb besser gerecht wird als bisher. Und ein bisschen Solidarität in dieser Frage könnte – nebenbei bemerkt – auch den gutverdienenden Regisseuren, Schauspielern und Musikern der Staatstheater gut zu Gesicht stehen. Das kommt ja vielleicht noch.
Wenn die Bohème für Berlin ein Standortvorteil ist, muss man diesen Vorteil bewusst nutzen und ausbauen, mit freundlicher Fürsorge, aber eben auch mit Geld. Denn Künstler und Kulturproduzenten arbeiten in Berlin mehrheitlich für sprichwörtlich 'nen Appel und 'n Ei. Stundenlöhne liegen häufig bei 3 Euro, oft wird künstlerische Arbeit überhaupt nicht bezahlt. Nicht nur das Haareschneiden bringt hierzulande wenig ein.
Zurück nach Treptow-Köpenick, nach Schöneweide. „Kunst am Spreeknie“ ist jetzt sechs Jahre alt. Man kann all denen, die ihre Kräfte, Leidenschaften und Visionen dort hineinstecken, nur wünschen, nicht müde zu werden. Letztlich geht es ihnen nämlich ebenso wie den vielen Frauen und Männern, die in den soziokulturellen Zentren ihr Publikum mit vergnüglicher Unterhaltung und  einem ordentlichen Quantum Erkenntnisgewinn versorgen. Sie tun es gern, sie tun es gekonnt, sie tun es zumeist ehrenamtlich. Gleichwohl: Irgendwann verliert auch die Brache ihren besonderen Charme.

Harry Mehner

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